{"id":659301,"date":"2026-04-23T13:06:45","date_gmt":"2026-04-23T11:06:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kohenavocats.com\/jurisprudences\/tribunal-federal-suisse-8-septembre-2022-n-2c-662-2022\/"},"modified":"2026-04-23T13:06:45","modified_gmt":"2026-04-23T11:06:45","slug":"tribunal-federal-suisse-8-septembre-2022-n-2c-662-2022","status":"publish","type":"kji_decision","link":"https:\/\/kohenavocats.com\/ru\/jurisprudences\/tribunal-federal-suisse-8-septembre-2022-n-2c-662-2022\/","title":{"rendered":"Tribunal f\u00e9d\u00e9ral suisse, 8 septembre 2022, n\u00b0 2C 662-2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"kji-decision\">\n<div class=\"kji-full-text\">\n<p>Bundesgericht<\/p>\n<p>Tribunal f\u00e9d\u00e9ral<\/p>\n<p>Tribunale federale<\/p>\n<p>Tribunal federal<\/p>\n<p>2C_662\/2022<\/p>\n<p>Urteil vom 8. September 2022<\/p>\n<p>II. \u00f6ffentlich-rechtliche Abteilung<\/p>\n<p>Besetzung<\/p>\n<p>Bundesrichterin Aubry Girardin, Pr\u00e4sidentin,<\/p>\n<p>Bundesrichterin H\u00e4nni,<\/p>\n<p>Bundesrichterin Ryter,<\/p>\n<p>Gerichtsschreiber Hugi Yar.<\/p>\n<p>Verfahrensbeteiligte<\/p>\n<p>A.________,<\/p>\n<p>Beschwerdef\u00fchrer,<\/p>\n<p>vertreten durch Rechtsanwalt Matthias W\u00e4ckerle,<\/p>\n<p>gegen<\/p>\n<p>Amt f\u00fcr Migration und Zivilrecht Graub\u00fcnden, Asyl und R\u00fcckkehr, Grabenstrasse 8, 7000 Chur,<\/p>\n<p>Zwangsmassnahmengericht des Kantons Grau b\u00fcnden, Theaterweg 1, 7002 Chur.<\/p>\n<p>Gegenstand<\/p>\n<p>Ausschaffungshaft,<\/p>\n<p>Beschwerde gegen die Verf\u00fcgung des Kantonsgerichts von Graub\u00fcnden, II. Strafkammer, vom 17. August 2022 (SK2 22 32).<\/p>\n<p>Sachverhalt:<\/p>\n<p>A.<\/p>\n<p>A.________ (geb. 1985) stammt aus Algerien. Er ersuchte am 25. M\u00e4rz 2015 in der Schweiz erfolglos um Asyl. Das Staatssekretariat f\u00fcr Migration (SEM) hielt ihn am 16. Mai 2017 an, das Land zu verlassen, was er nicht tat. A.________ wurde hier wiederholt straff\u00e4llig. Unter anderem verurteilte ihn das Bezirksgericht Z\u00fcrich am 14. M\u00e4rz 2017 wegen mehrfachen Raubes und versuchter schwerer K\u00f6rperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 42 Monaten. Mit Strafbefehl vom 12. Oktober 2021 sprach ihn die Staatsanwaltschaft Limmattal\/Albis des Diebstahls und anderer Delikte f\u00fcr schuldig und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 6 Monaten. Die Beh\u00f6rden des Kantons Graub\u00fcnden bem\u00fchten sich wiederholt darum, A.________ in seine Heimat zur\u00fcckzuf\u00fchren, doch scheiterte dies jeweils an den Massnahmen zur Pandemiebek\u00e4mpfung und am Verhalten von A.________.<\/p>\n<p>B.<\/p>\n<p>Ab dem 7. Februar 2022 befand sich A.________ in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Realta\/GR im Strafvollzug, wobei dessen Ende f\u00fcr den 27. Juli 2022 vorgesehen war. Am 18. Juli 2022 nahm das Amt f\u00fcr Migration und Zivilrecht Graub\u00fcnden ihn im Anschluss an die Entlassung aus dem Strafvollzug bis zum Vollzug der Wegweisung in Ausschaffungshaft. Der Flug von A.________ nach Algerien war f\u00fcr den 28. Juli 2022 vorgesehen und best\u00e4tigt. Die R\u00fcckf\u00fchrung scheiterte daran, dass der Strafvollzug l\u00e4nger dauerte als urspr\u00fcnglich geplant. Das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Graub\u00fcnden pr\u00fcfte die Festhaltung von A.________ am 28. Juli 2022 und bewilligte sie bis zum 27. Oktober 2022; gleichzeitig wies es sein Gesuch um unentgeltliche Verbeist\u00e4ndung ab. Das Kantonsgericht Graub\u00fcnden best\u00e4tigte diesen Entscheid am 17. August 2022 und verweigerte seinerseits A.________ die unentgeltliche Rechtspflege und Verbeist\u00e4ndung (keine komplexen Fragen).<\/p>\n<p>C.<\/p>\n<p>A.________ beantragt vor Bundesgericht, das Urteil des Kantonsgerichts Graub\u00fcnden vom 17. August 2022 aufzuheben und ihn &quot;unverz\u00fcglich aus der Haft zu entlassen&quot;. Der Kanton Graub\u00fcnden sei zu verpflichten, ihm f\u00fcr die Verfahren eine Parteientsch\u00e4digung zuzusprechen oder ihm die unentgeltliche Rechtspflege und Verbeist\u00e4ndung zu gew\u00e4hren. F\u00fcr den Fall des Unterliegens beantragt er, ihm im bundesgerichtlichen Verfahren die unentgeltliche Rechtspflege und Verbeist\u00e4ndung zu bewilligen. A.________ macht geltend, seine Haftbedingungen entspr\u00e4chen nicht den gesetzlichen Vorgaben. Die kantonalen Beh\u00f6rden h\u00e4tten seine diesbez\u00fcglichen Ausf\u00fchrungen nicht gepr\u00fcft und damit eine formelle Rechtsverweigerung begangen; sie h\u00e4tten ihm zudem zu Unrecht jeweils die unentgeltliche Rechtspflege und Verbeist\u00e4ndung verweigert.<\/p>\n<p>Die Abteilungspr\u00e4sidentin hat mit Verf\u00fcgung vom 26. August 2022 das Gesuch von A.________ um sofortige Haftentlassung im Rahmen einer vorsorglichen Massnahme (Art. 104 BGG) abgewiesen.<\/p>\n<p>Das Amt f\u00fcr Migration und Zivilrecht Graub\u00fcnden und das Kantonsgericht Graub\u00fcnden beantragen, die Beschwerde abzuweisen bzw. abzuweisen, soweit darauf einzutreten sei.<\/p>\n<p>A.________ hat um eine Fristverl\u00e4ngerung f\u00fcr seine abschliessende Stellungnahme bis zum 23. September 2022 ersucht. Da seine Beschwerde gutzuheissen ist, er\u00fcbrigt es sich in seinem Interesse, die noch offenen Fristen abzuwarten.<\/p>\n<p>Erw\u00e4gungen:<\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>1.1. Gegen den kantonal letztinstanzlichen Entscheid \u00fcber Zwangsmassnahme im Ausl\u00e4nderrecht kann die betroffene Person mit Beschwerde in \u00f6ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten an das Bundesgericht gelangen (Art. 82 lit. a i.V.m. Art. 86 Abs. 1 lit. d BGG; vgl. das Urteil 2C_35\/2021 vom 10. Februar 2021 E. 1 mit Hinweisen). Wegen des mit der Anordnung ausl\u00e4nderrechtlicher Administrativhaft verbundenen schweren Eingriffs in die pers\u00f6nliche Freiheit kommt dem entsprechenden Freiheitsentzug eigenst\u00e4ndige Bedeutung zu; die Haft erscheint nicht als bloss untergeordnete Vollzugsmassnahme zur Wegweisung, weshalb der Ausschlussgrund von Art. 83 lit. c Ziff. 4 BGG der Beschwerde in \u00f6ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten nicht entgegensteht (BGE 147 II 49 E. 1.1; 142 I 135 E. 1.1.3; Urteil 2C_38\/2022 vom 7. Juli 2022 E. 1.1). Da auch alle weiteren Prozessvoraussetzungen gegeben sind, ist auf die Beschwerde einzutreten (vgl. Art. 42, Art. 82 lit. a, Art. 86 Abs. 1 lit. d, Art. 89 Abs. 1; Art. 90; Art. 100 Abs. 1 BGG).<\/p>\n<p>1.2. Hinsichtlich der R\u00fcgepflicht und der Pr\u00fcfungsbefugnis gilt: Das Bundesgericht wendet das Recht zwar von Amtes wegen an (Art. 106 Abs. 1 BGG), es pr\u00fcft jedoch unter Ber\u00fccksichtigung der allgemeinen R\u00fcge- und Begr\u00fcndungspflicht (Art. 42 Abs. 1 und 2 BGG) nur die vorgebrachten Argumente, falls weitere rechtliche M\u00e4ngel nicht geradezu offensichtlich sind (BGE 142 I 135 E. 1.5). Dies ist hier nicht der Fall. In Bezug auf die Verletzung von Grundrechten gilt ein qualifiziertes R\u00fcge- und Substanziierungsgebot (Art. 106 Abs. 2 BGG; BGE 139 I 229 E. 2.2; 136 II 304 E. 2.5). Das Bundesgericht ist zudem an den Sachverhalt gebunden, wie die Vorinstanz ihn festgestellt hat (Art. 105 Abs. 1 BGG), es sei denn, dieser erweise sich in einem entscheidwesentlichen Punkt als offensichtlich falsch oder unvollst\u00e4ndig bzw. seine Feststellung beruhe auf einer Rechtsverletzung im Sinne von Art. 95 BGG (Art. 105 Abs. 2 BGG; vgl. BGE 142 I 135 E. 1.6; 133 II 249 E. 1.4.3), was in der Beschwerdeschrift detailliert aufzuzeigen ist. Soweit die vorliegende Eingabe den entsprechenden Vorgaben nicht gen\u00fcgt und sich auf appellatorische Kritik am angefochtenen Entscheid beschr\u00e4nkt, wird darauf nicht weiter eingegangen (vgl. BGE 145 I 26 E. 1.3 mit Hinweisen).<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>2.1. Der Beschwerdef\u00fchrer macht geltend, seine Haftbedingungen entspr\u00e4chen nicht den gesetzlichen Vorgaben, die Vorinstanz habe den entsprechenden Sachverhalt nicht rechtsgen\u00fcgend festgestellt und sich zu Unrecht nicht mit seinen Einw\u00e4nden auseinandergesetzt. Das Vorliegen der weiteren Haftvoraussetzungen (Haftgrund, Verh\u00e4ltnism\u00e4ssigkeit, Zweckbezogenheit, Beschleunigungsgebot, Absehbarkeit des Vollzugs der Wegweisung usw.) ist nicht mehr bestritten, es ist deshalb im Folgenden nur zu pr\u00fcfen, wie es sich mit den Haftbedingungen des Beschwerdef\u00fchrers verh\u00e4lt.<\/p>\n<p>2.2.<\/p>\n<p>2.2.1. Nach Art. 81 Abs. 2 AIG ist die Administrativhaft &#8212; entsprechend Art. 16 Abs. 1 Satz 1 der auch f\u00fcr die Schweiz geltenden Richtlinie 2008\/115\/EG (R\u00fcckf\u00fchrungsrichtline) &#8212; in einer speziellen, nur zu diesem Zweck vorgesehenen Vollzugsanstalt zu vollziehen (Ausschaffungszentrum). Sie kann bloss dann &#8212; in Ausnahmef\u00e4llen &#8212; in ordentlichen Haftanstalten vollzogen werden, falls ein administrativ anderweitig nicht bew\u00e4ltigbarer wichtiger Grund f\u00fcr dieses Vorgehen spricht sowie die Trennung von den anderen H\u00e4ftlingen durch eine eigenst\u00e4ndige Abteilung sichergestellt bleibt (BGE 146 II 201 E. 4 &#8212; 6). Es muss sich nach der Rechtsprechung dabei um &quot;absolute Einzelf\u00e4lle&quot; handeln (vgl. BGE 146 II 201 E. 7 und die Urteile 2C_280\/2021 vom 22. April 2021 E. 2.4; 2C_961\/2020 vom 24. M\u00e4rz 2021 E. 2.4.1; 2C_844\/2020 vom 30. Oktober 2020 E. 6.1). Der Grund f\u00fcr die vom Grundsatz abweichende Unterbringung ist sachgerecht darzutun und zu belegen, damit der Haftrichter und letztinstanzlich das Bundesgericht die angegebenen Gr\u00fcnde im Hinblick auf die Zul\u00e4ssigkeit der Haft und der Vorgaben von Art. 81 Abs. 2 AIG bzw. Art. 16 der R\u00fcckf\u00fchrungsrichtlinie \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen (vgl. Art. 80 Abs. 4 AIG [Ber\u00fccksichtigung der &quot;Umst\u00e4nde des Haftvollzugs&quot;]; BGE 146 II 201 E. 8).<\/p>\n<p>2.2.2. Das Bundesgericht hat diese Rechtsprechung inzwischen wiederholt best\u00e4tigt (vgl. die Urteile 2C_280\/2021 vom 22. April 2021 E. 2.4 [Untersuchungs- und Strafgef\u00e4ngnis Stans]; 2C_844\/2020 vom 30. Oktober 2020 E. 6 und 2C_961\/2020 vom 24. M\u00e4rz 2021 E. 2.4 [Untersuchungsgef\u00e4ngnis Solothurn]). Es hat dabei unter anderem darauf hingewiesen, dass (kleinere) Kantone die M\u00f6glichkeit haben, die Festhaltung in einer geeigneten Einrichtung eines anderen Kantons zu organisieren, wenn sie die gesetzlichen Festhaltungsbedingungen (Art. 81 Abs. 2 AIG) selber nicht einhalten k\u00f6nnen oder wollen (Urteil 2C_280\/2021 vom 22. April 2021 E. 2.5.3 unter Hinweis auf BGE 146 II 201 E. 5.2.1 und die Urteil des EuGH vom 17. Juli 2014 C-473\/13 und C-514\/13 Bero\/Bouzalmate Randnr. 31, bzw. vom 10. M\u00e4rz 2022 C-519\/20 K. Randnrn. 91 ff.). Es hat damit auf die Zusammenarbeit unter den Kantonen verwiesen. Nach Art. 82 Abs. 1 AIG kann der Bund dementsprechend denn auch den Bau und die Einrichtung kantonaler Haftanstalten, &quot;die ausschliesslich dem Vollzug der Vorbereitungs-, Ausschaffungshaft und Durchsetzungshaft sowie der kurzfristigen Festhaltung dienen&quot; und die eine bestimmte Gr\u00f6sse aufweisen, ganz oder teilweise finanzieren.<\/p>\n<p>2.3.<\/p>\n<p>2.3.1. Bei der JVA Realta handelt es sich nicht um ein spezielles, nur zum Zweck des Vollzugs von ausl\u00e4nderrechtlichen Zwangsmassnahmen vorgesehenes Zentrum. Sie dient in erster Linie dem Vollzug von Freiheitsstrafen und Massnahmen. Vollzogen werden dort Freiheitsstrafen oder Reststrafen (unabh\u00e4ngig von ihrer Dauer) sowie Freiheitsstrafen in Form des Arbeitsexternats, der Halbgefangenschaft oder des tageweisen Vollzugs. Die JVA Realta ist eine Konkordatsanstalt des Ostschweizerischen Strafvollzugskonkordats (Kantone ZH, SG, GR, TG, SH, GL, AI\/AR). Sie verf\u00fcgt seit dem 1. April 2009 zwar \u00fcber eine gesonderte Haftabteilung f\u00fcr die ausl\u00e4nderrechtliche Administrativhaft. Von den 120 Vollzugspl\u00e4tzen fallen jedoch lediglich deren 16 auf diese. Nach dem Bericht der Nationalen Kommission zur Verh\u00fctung von Folter (NKVF) vom 12. M\u00e4rz 2018, auf den sich die Vorinstanz beruft, haben das Geb\u00e4ude und &quot;die R\u00e4umlichkeiten der Abteilung f\u00fcr ausl\u00e4nderrechtliche Administrativhaft [&#8230;] einen klaren Gef\u00e4ngnischarakter&quot;, was es nach der Rechtsprechung gerade zu vermeiden gilt. Die Anstalt gen\u00fcgt damit prima vista den heutigen Anforderungen, wie sie sich aus Art. 16 der R\u00fcckf\u00fchrungsrichtlinie und Art. 81 Abs. 2 AIG ergeben (vgl. BGE 146 II 201 ff.), nicht (mehr).<\/p>\n<p>2.3.2. Das Amt f\u00fcr Migration und Zivilrecht Graub\u00fcnden bestreitet dies. Es macht geltend, die Haftbedingungen seien den Vorgaben der Nationalen Kommission zur Verh\u00fctung von Folter in ihrem Bericht vom 12. M\u00e4rz 2018 angepasst worden. Die materiellen Haftbedingungen bzw. die Infrastruktur entspr\u00e4chen heute den gesetzlichen Erfordernissen. \u00dcber das Zellenkommunikationssystem seien Kontakte zur Aussenwelt w\u00e4hrend 24 Stunden sowohl per Ton- als auch Bildtelefonie m\u00f6glich; es bestehe zudem ein Internetzugang. In den Zellen seien die Lichtverh\u00e4ltnisse verbessert und der Besucherraum &quot;freundlicher&quot; gestaltet und mit Spielsachen und Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Kinder ausgestattet worden. Die Zellen\u00f6ffnungszeiten seien um zwei Stunden t\u00e4glich (\u00fcber Mittag) bzw. um w\u00f6chentlich 14 Stunden verl\u00e4ngert sowie neue Besch\u00e4ftigungs- und Freizeitm\u00f6glichkeiten geschaffen worden. Die ausl\u00e4nderrechtliche Administrativhaft unterscheide sich &quot;sowohl in rechtlicher als auch tats\u00e4chlicher Hinsicht klar von den Bedingungen des Strafvollzugs und der Untersuchungshaft&quot;. Die mit der Administrativhaft einhergehende Grundrechtsbeschr\u00e4nkung gehe &quot;in casu nicht \u00fcber die mit dem Zweck der Sicherung des Wegweisungsvollzugs verbundenen Beschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit hinaus&quot; und erweise sich &quot;folglich als gesetzeskonform&quot;.<\/p>\n<p>2.3.3. Wie es sich damit verh\u00e4lt, kann dahingestellt bleiben: Die Vorinstanz hat den Sachverhalt diesbez\u00fcglich nicht erstellt, sondern sich darauf beschr\u00e4nkt, auf den Bericht der Nationalen Kommission zur Verh\u00fctung von Folter (NKVF) vom 12. M\u00e4rz 2018 und die Antwort der Regierung des Kantons Graub\u00fcnden darauf zu verweisen. Sie hat sich mit den Vorgaben in BGE 146 II 201 ff. nicht auseinandergesetzt. Die Aufgabe des Bundesgerichts ist die Rechtsauslegung und -anwendung, nicht die erstinstanzliche Feststellung des Sachverhalts (vgl. BGE 142 II 243 E. 2.4; 133 IV 293 E. 3.4.2; Urteil 2C_280\/2021 vom 22. April 2021 E. 2.5.1). Es bestehen vorliegend keine Sachverhaltsfeststellungen durch die Vorinstanz im Sinne der Darlegungen des Amts f\u00fcr Migration und Zivilrecht Graub\u00fcnden. Es ist nicht am Bundesgericht, die tats\u00e4chlichen Grundlagen diesbez\u00fcglich erst noch zu erstellen (vgl. das Urteil 2C_280\/2021 vom 22. April 2021 E. 2.5.2). Gest\u00fctzt auf die sachverhaltlichen Feststellungen im angefochtenen Entscheid gen\u00fcgt die JVA Realta der bundesgerichtlichen Rechtsprechung nicht. Der durch die Vorinstanz (allenfalls) ungen\u00fcgend festgestellte Sachverhalt, darf nicht zu Ungunsten des Beschwerdef\u00fchrers zu einer Verl\u00e4ngerung des Verfahrens und damit seiner administrativen Festhaltung f\u00fchren. Es wird an den B\u00fcndner Beh\u00f6rden sein, in einem k\u00fcnftigen Fall die konkreten Haftbedingungen klar und im Einzelnen belegt darzutun, sodass das Bundesgericht die rechtliche Konformit\u00e4t der Haftbedingungen in der JVA Realta pr\u00fcfen kann.<\/p>\n<p>2.3.4. Der Beschwerdef\u00fchrer hielt sich zuerst im Strafvollzug und danach gest\u00fctzt auf die angeordnete Ausschaffungshaft in der JVA Realta auf. Weder in der Haftverf\u00fcgung noch in den richterlichen Haftpr\u00fcfungsentscheiden begr\u00fcnden die kantonalen Beh\u00f6rden &#8212; entgegen den Vorgaben von BGE 146 II 201 ff. -, welche besonderen Umst\u00e4nde (etwa Sicherheitsbedenken: so etwa das Urteil des EuGH vom 2. Juli 2020 C-18\/19 W.M., Randnr. 48) es rechtfertigen k\u00f6nnten, ihn &#8212; in Abweichung von der allgemeinen Vorgabe des Erfordernisses einer speziellen Vollzugsanstalt &#8212; weiterhin dort festzuhalten. Eine Person in Administrativhaft darf &#8212; wie dargelegt &#8212; nur in begr\u00fcndeten Ausnahmef\u00e4llen von \u00e4usserst beschr\u00e4nkter Zeitdauer in einer den Anforderungen von Art. 81 Abs. 2 1. Satz AIG nicht gen\u00fcgenden Einrichtung untergebracht werden. Die kantonalen Beh\u00f6rden haben sich in den verschiedenen Verfahren nicht mit den entsprechenden Einw\u00e4nden des Beschwerdef\u00fchrers und den bundesrechtlichen Vorgaben auseinandergesetzt. Sie haben damit auch seinen Anspruch auf rechtliches Geh\u00f6r verletzt (vgl. BGE 144 II 184 E. 3.1), indem sie eine entscheidwesentliche Frage bez\u00fcglich der Zul\u00e4ssigkeit seiner administrativen Festhaltung nicht rechtsgen\u00fcgend gepr\u00fcft, sondern sich darauf beschr\u00e4nkt haben, die Zul\u00e4ssigkeit der Haftbedingungen unter Hinweis auf den Bericht der NKVF vom 12. M\u00e4rz 2018 und auf die Antwort der Regierung des Kantons Graub\u00fcnden darauf vom 9. Mai 2018 im Wesentlichen lediglich zu behaupten.<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>3.1. Die Unterbringung des Beschwerdef\u00fchrers in der JVA Realta ist wegen ihrer Dauer, mangels wichtiger Gr\u00fcnde und wegen einer unzureichenden Begr\u00fcndung f\u00fcr dessen Aufenthalt in einer &#8212; prima vista &#8212; nicht ausschliesslich der Administrativhaft dienenden Anstalt unzul\u00e4ssig. Ob sich die Haftbedingungen im Sinne der Darlegungen des Amts f\u00fcr Migration und Zivilstand inzwischen so ge\u00e4ndert haben, dass sie allenfalls den bundesrechtlichen Vorgaben gen\u00fcgen, wird gegebenenfalls in einem k\u00fcnftigen Verfahren zu pr\u00fcfen sein.<\/p>\n<p>3.2. Ist die Beschwerde bereits aus diesem Grund gutzuheissen, er\u00fcbrigt es sich, noch zu kl\u00e4ren, ob die kantonalen Beh\u00f6rden dem Beschwerdef\u00fchrer zu Unrecht die unentgeltliche Rechtspflege und Verbeist\u00e4ndung verweigert haben. Der Beschwerdef\u00fchrer hat in den kantonalen Verfahren als obsiegend zu gelten.<\/p>\n<p>3.3. Die Gutheissung der Beschwerde wegen unzul\u00e4ssigen Haftbedingungen f\u00fchrt nach der Praxis nur zu einer Haftentlassung, sofern nicht kurzfristig f\u00fcr Abhilfe gesorgt werden kann (BGE 122 II 299 E. 8a; Urteil 2A.337\/2005 vom 10. Juni 2005, E. 6.6; CONSTANTIN HRUSCHKA, IN: SFH, HANDBUCH ZUM ASYL- UND WEGWEISUNGSVERFAHREN, 3. AUFL. 2021, S. 572; ANDREAS Z\u00dcND, in: Spescha et al. [Hrsg.], Kommentar Migrationsrecht, 5. Aufl. 2019, N. 3 zu Art. 81 AIG; THOMAS HUGI YAR, in: Uebersax\/Rudin\/Hugi Yar\/Geiser [Hrsg.], HAP Ausl\u00e4nderrecht, 2. Aufl. 2009, N. 10.143). In der Regel ist es m\u00f6glich, die betroffene Person an einen anderen Ort zu verbringen, wo die Haftbedingungen den gesetzlichen Vorgaben gen\u00fcgen. Nur wenn dies nicht geschieht, hat eine Haftentlassung zu erfolgen.<\/p>\n<p>3.4. Die Beschwerde ist demnach gutzuheissen und der angefochtene Entscheid in diesem Sinn aufzuheben. Das Amt f\u00fcr Migration und Zivilrecht Graub\u00fcnden wird angehalten, den Beschwerdef\u00fchrer binnen 5 Tagen ab Er\u00f6ffnung des vorliegenden Entscheids an einem Ort unterzubringen, welcher den gesetzlichen Vorgaben von Art. 81 Abs. 2 Satz 1 AIG gen\u00fcgt. Geschieht dies nicht, ist er sp\u00e4testens auf diesen Zeitpunkt hin aus der Ausschaffungshaft zu entlassen.<\/p>\n<p>4.<\/p>\n<p>Dem Verfahrensausgang entsprechend sind keine Kosten geschuldet (Art. 66 Abs. 4 BGG). Der Kanton Graub\u00fcnden hat den Rechtsvertreter des Beschwerdef\u00fchrers f\u00fcr das vorliegende Verfahren angemessen zu entsch\u00e4digen (Art. 68 Abs. 1 BGG). Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege und Verbeist\u00e4ndung vor Bundesgericht wird damit gegenstandslos. Die Sache ist zur Regelung der Kosten- und Entsch\u00e4digungsfrage f\u00fcr die kantonalen Verfahren an die Vorinstanz zur\u00fcckzuweisen (Art. 67 i.V.m. Art. 68 Abs. 5 BGG).<\/p>\n<p>Demnach erkennt das Bundesgericht:<\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>Die Beschwerde wird gutgeheissen und das Urteil des Kantonsgerichts Graub\u00fcnden vom 17. August 2022 aufgehoben. Die Zustimmung zur Ausschaffungshaft wird lediglich mit der Auflage erteilt, dass die Haftbedingungen sp\u00e4testens innert 5 Tagen seit Zustellung des bundesgerichtlichen Urteils im Sinne der Erw\u00e4gungen angepasst werden. Wird diese Auflage nicht eingehalten, ist der Beschwerdef\u00fchrer sp\u00e4testens auf diesen Zeitpunkt hin aus der Haft zu entlassen.<\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>2.1. Es werden keine Kosten erhoben.<\/p>\n<p>2.2. Der Kanton Graub\u00fcnden hat den Rechtsvertreter des Beschwerdef\u00fchrers f\u00fcr das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr. 2&#039;000.&#8212; zu entsch\u00e4digen.<\/p>\n<p>2.3. Die Sache wird zur Regelung der Kosten- und Entsch\u00e4digungsfrage in den kantonalen Verfahren an die Vorinstanz zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>Dieses Urteil wird den Verfahrensbeteiligten, dem Kantonsgericht von Graub\u00fcnden, II. Strafkammer, und dem Staatssekretariat f\u00fcr Migration mitgeteilt.<\/p>\n<p>Lausanne, 8. September 2022<\/p>\n<p>Im Namen der II. \u00f6ffentlich-rechtlichen Abteilung<\/p>\n<p>des Schweizerischen Bundesgerichts<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sidentin: F. Aubry Girardin<\/p>\n<p>Der Gerichtsschreiber: Hugi Yar<\/p>\n<\/div>\n<hr class=\"kji-sep\" \/>\n<p class=\"kji-source-links\"><strong>Sources officielles :<\/strong> <a class=\"kji-source-link\" href=\"https:\/\/search.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/fr\/php\/aza\/http\/index.php?lang=fr&#038;type=highlight_simple_query&#038;page=7&#038;from_date=&#038;to_date=&#038;sort=relevance&#038;insertion_date=&#038;top_subcollection_aza=all&#038;query_words=zivilrecht&#038;rank=66&#038;azaclir=aza&#038;highlight_docid=aza%3A%2F%2F08-09-2022-2C_662-2022&#038;number_of_ranks=2022\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">consulter la page source<\/a><\/p>\n<p class=\"kji-license-note\"><em>Source officielle Tribunal federal suisse. Contenu HTML public, PDF non garanti en version gratuite.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundesgericht Tribunal f\u00e9d\u00e9ral Tribunale federale Tribunal federal 2C_662\/2022 Urteil vom 8. September 2022 II. \u00f6ffentlich-rechtliche Abteilung Besetzung Bundesrichterin Aubry Girardin, Pr\u00e4sidentin, Bundesrichterin H\u00e4nni, Bundesrichterin Ryter, Gerichtsschreiber Hugi Yar. 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