{"id":660541,"date":"2026-04-23T15:30:53","date_gmt":"2026-04-23T13:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/kohenavocats.com\/jurisprudences\/bundesgerichtshof-13-zivilsenat-beschluss-2022-08-02-xiii-zb-27-22\/"},"modified":"2026-04-23T15:30:53","modified_gmt":"2026-04-23T13:30:53","slug":"bundesgerichtshof-13-zivilsenat-beschluss-2022-08-02-xiii-zb-27-22","status":"publish","type":"kji_decision","link":"https:\/\/kohenavocats.com\/ru\/jurisprudences\/bundesgerichtshof-13-zivilsenat-beschluss-2022-08-02-xiii-zb-27-22\/","title":{"rendered":"Bundesgerichtshof, 13. Zivilsenat, Beschluss, 2022-08-02, XIII ZB 27\/22"},"content":{"rendered":"<div class=\"kji-decision\">\n<div class=\"kji-full-text\">\n<h3>Tenor<\/h3>\n<div>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<p>Auf die Rechtsbeschwerde des Betroffenen wird der Beschluss des Landgerichts Traunstein &#8212; 4. Zivilkammer &#8212; vom 22. April 2021 aufgehoben.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<p>Es wird festgestellt, dass der Beschluss des Amtsgerichts Rosenheim vom 18. M\u00e4rz 2021 und der Beschluss des Landgerichts Traunstein &#8212; 4. Zivilkammer &#8212; vom 22. April 2021 den Betroffenen im Zeitraum vom 18. M\u00e4rz 2021 bis zum 27. April 2021 in seinen Rechten verletzt haben.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<p>Gerichtskosten werden in allen Instanzen nicht erhoben. Die zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung notwendigen Auslagen des Betroffenen in allen Instanzen werden dem Freistaat Bayern auferlegt.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<p>Der Gegenstandswert des Rechtsbeschwerdeverfahrens betr\u00e4gt 5.000 \u20ac.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl><\/div>\n<h3>Gr\u00fcnde<\/h3>\n<div>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_1\">1<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>I. Der Betroffene, ein pakistanischer Staatsangeh\u00f6riger, reiste 2015 in die Bundesrepublik Deutschland ein. Sein Asylantrag wurde mit Bescheid vom 3. Dezember 2016 abgelehnt und seine Abschiebung nach Pakistan angeordnet. Nachdem sein Aufenthalt zwischenzeitlich unbekannt war, stellte der Betroffene im Oktober 2020 erneut einen Asylantrag, der mit Bescheid des Bundesamts f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge vom 25. November 2020 als unzul\u00e4ssig abgelehnt wurde; zugleich wurde seine \u00dcberstellung nach Italien angeordnet. Aufgrund einer Verurteilung zu einer Haftstrafe von f\u00fcnf Monaten befand sich der Betroffene bis zum 18. M\u00e4rz 2021 in Strafhaft.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_2\">2<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>Auf Antrag der beteiligten Beh\u00f6rde vom 4. M\u00e4rz 2021 hat das Amtsgericht mit Beschluss vom 18. M\u00e4rz 2021 gegen den Betroffenen Haft zur Sicherung der Abschiebung nach Italien bis einschlie\u00dflich 5. Mai 2021 angeordnet. Die dagegen gerichtete Beschwerde des Betroffenen hat das Beschwerdegericht mit Beschluss vom 22. April 2021 zur\u00fcckgewiesen. Dagegen richtet sich die nach Gew\u00e4hrung von Verfahrenskostenhilfe und Wiedereinsetzung in den vorigen Stand eingelegte Rechtsbeschwerde des Betroffenen, die nach seiner Entlassung aus der Abschiebehaft am 27. April 2021 noch auf Feststellung der Rechtswidrigkeit der vollzogenen Abschiebehaft gerichtet ist.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_3\">3<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>II. Die zul\u00e4ssige Rechtsbeschwerde hat Erfolg.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_4\">4<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>1. Das Beschwerdegericht hat angenommen, der Haftanordnung habe ein zul\u00e4ssiger Haftantrag zugrunde gelegen. Die beteiligte Beh\u00f6rde habe die Voraussetzungen und die Durchf\u00fchrbarkeit der beabsichtigten Abschiebung nach Italien sowie die erforderliche Haftdauer hinreichend dargelegt.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_5\">5<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>2. Das h\u00e4lt rechtlicher Nachpr\u00fcfung nicht stand. F\u00fcr die Haftanordnung fehlte es an einem zul\u00e4ssigen Haftantrag der beteiligten Beh\u00f6rde.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_6\">6<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>a) Ein zul\u00e4ssiger Haftantrag ist eine in jeder Lage des Verfahrens von Amts wegen zu pr\u00fcfende Verfahrensvoraussetzung. Zul\u00e4ssig ist der Haftantrag nur, wenn er den gesetzlichen Anforderungen an die Begr\u00fcndung entspricht, also unter anderem Darlegungen zur notwendigen Haftdauer enth\u00e4lt (\u00a7 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 FamFG). Diese Darlegungen d\u00fcrfen zwar knapp gehalten sein, m\u00fcssen aber die f\u00fcr die richterliche Pr\u00fcfung des Falls wesentlichen Punkte ansprechen (st. Rspr., vgl. nur zuletzt BGH, Beschl\u00fcsse vom 12. November 2019 &#8212; XIII ZB 5\/19, InfAuslR 2020, 165 Rn. 8; vom 25. Januar 2022 &#8212; XIII ZB 108\/19, juris Rn. 6).<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_7\">7<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>b) Diesen Anforderungen wird der Haftantrag nicht gerecht. Im Antragsschreiben der beteiligten Beh\u00f6rde vom 4. M\u00e4rz 2021 wird im Hinblick auf die beantragte Haftdauer lediglich ausgef\u00fchrt, die Abschiebung nach Rom sei nun f\u00fcr den 5. Mai 2021 &#171;geplant\/festgesetzt&#187;, nachdem ein f\u00fcr den 8. M\u00e4rz 2021 geplanter Flug aufgrund fehlenden &#171;Routings&#187; nicht durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nne. Warum die Buchung eines &#8212; wie hier &#8212; ohne Sicherheitsbegleitung geplanten Fluges f\u00fcr eine Einzelabschiebung nach Italien bei dem Betroffenen, f\u00fcr den ein g\u00fcltiges Passersatzpapier vorlag, eine Zeit von \u00fcber sieben Wochen oder &#8212; gerechnet ab der Antragstellung &#8212; sogar zwei Monaten in Anspruch nehmen soll, wird nicht dargelegt. Es erschlie\u00dft sich mangels jeglicher Angabe zu den im Zeitraum zwischen dem 8. M\u00e4rz und dem 5. Mai 2021 objektiv bestehenden Flugm\u00f6glichkeiten auch nicht vor dem Hintergrund der &#8212; gerichtsbekannten &#8212; pandemiebedingten Einschr\u00e4nkungen des innereurop\u00e4ischen Flugverkehrs im Fr\u00fchjahr 2021. Entsprechende Erl\u00e4uterungen wurden auch in der Anh\u00f6rung des Betroffenen am 18. M\u00e4rz 2021 nicht nachgeholt. Die Ausf\u00fchrungen der beteiligten Beh\u00f6rde lassen danach nicht erkennen, warum eine Haftdauer von gut sieben Wochen erforderlich ist, und sind vor dem Hintergrund, dass die Haft auf die k\u00fcrzest m\u00f6gliche Dauer zu beschr\u00e4nken ist, auch angesichts der besonderen Situation der Corona-Pandemie ohne n\u00e4here Erl\u00e4uterung f\u00fcr die Begr\u00fcndung der beantragten Haft unzureichend (vgl. BGH, Beschl\u00fcsse vom 12. April 2018 &#8212; V ZB 208\/17, juris Rn. 6 mwN; vom 12. Februar 2020 &#8212; XIII ZB 49\/19, juris Rn. 9; vom 25. April 2022 &#8212; XIII ZB 55\/20, juris Rn. 9).<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_8\">8<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>c) Der Mangel des Haftantrags ist nicht &#8212; mit Wirkung f\u00fcr die Zukunft &#8212; geheilt worden. Zwar hat die beteiligte Beh\u00f6rde im Beschwerdeverfahren erg\u00e4nzend mitgeteilt, dass es sich bei dem Flugtermin am 5. Mai 2021 nach Auskunft des Bayerischen Landesamts f\u00fcr Asyl und R\u00fcckf\u00fchrungen um den &#171;n\u00e4chstm\u00f6glichen Termin&#187; gehandelt habe, nachdem der f\u00fcr den 8. M\u00e4rz 2021 geplante Flug von der Fluggesellschaft gestrichen worden sei. Dazu h\u00e4tte das Beschwerdegericht den Betroffenen jedoch pers\u00f6nlich anh\u00f6ren m\u00fcssen (vgl. BGH, Beschluss vom 15. Dezember 2020 &#8212; XIII ZB 15\/20, juris Rn. 14 mwN), was nicht geschehen ist.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_9\">9<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>3. Die Kostenentscheidung beruht auf \u00a7 81 Abs. 1 Satz 1 und 2, \u00a7 83 Abs. 2 FamFG. Die Festsetzung des Beschwerdewerts folgt aus \u00a7 36 Abs. 2 und 3 GNotKG.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<table class=\"Rsp\">\n<tr>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">Kirchhoff\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">Roloff\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">Tolkmitt<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">Picker\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">Rombach\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:left\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl><\/div>\n<\/div>\n<hr class=\"kji-sep\" \/>\n<p class=\"kji-source-links\"><strong>Sources officielles :<\/strong> <a class=\"kji-source-link\" href=\"http:\/\/www.rechtsprechung-im-internet.de\/jportal\/?quelle=jlink&#038;docid=jb-KORE677882022&#038;psml=bsjrsprod.psml&#038;max=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">consulter la page source<\/a> &middot; <a class=\"kji-pdf-link\" href=\"https:\/\/www.rechtsprechung-im-internet.de\/jportal\/portal\/page\/bsjrsprod.psml\/screen\/JWPDFScreen\/filename\/BGH_XIII_ZB_27-22_KORE677882022.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PDF officiel<\/a><\/p>\n<p class=\"kji-license-note\"><em>Rechtsprechung im Internet (BMJV\/BfJ) : les decisions sont mises a disposition gratuitement en HTML, PDF et XML pour libre utilisation et re-utilisation.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tenor Auf die Rechtsbeschwerde des Betroffenen wird der Beschluss des Landgerichts Traunstein &#8212; 4. 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