{"id":814205,"date":"2026-05-02T07:59:09","date_gmt":"2026-05-02T05:59:09","guid":{"rendered":"https:\/\/kohenavocats.com\/jurisprudences\/bundessozialgericht-2-senat-beschluss-2017-06-27-b-2-u-27-17-b-3\/"},"modified":"2026-05-02T07:59:09","modified_gmt":"2026-05-02T05:59:09","slug":"bundessozialgericht-2-senat-beschluss-2017-06-27-b-2-u-27-17-b-3","status":"publish","type":"kji_decision","link":"https:\/\/kohenavocats.com\/zh-hans\/jurisprudences\/bundessozialgericht-2-senat-beschluss-2017-06-27-b-2-u-27-17-b-3\/","title":{"rendered":"Bundessozialgericht, 2. Senat, Beschluss, 2017-06-27, B 2 U 27\/17 B"},"content":{"rendered":"<div class=\"kji-decision\">\n<div class=\"kji-full-text\">\n<h3>Tenor<\/h3>\n<div>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<p>Auf die Beschwerde des Kl\u00e4gers wird das Urteil des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen vom 14. September 2016 aufgehoben und der Rechtsstreit zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Landessozialgericht zur\u00fcckverwiesen.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl><\/div>\n<h3>Gr\u00fcnde<\/h3>\n<div>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_1\">1<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>I. Streitig sind die Anerkennung einer Berufskrankheit (BK) nach Ziffer 1102 der Anlage 1 zur Berufskrankheitenverordnung (&lt;BKV&gt;, Erkrankungen durch Quecksilber oder seine Verbindungen) und der Ziffer 1302 BKV (Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe) sowie einer Wie-BK nach \u00a7 9 Abs 2 Siebtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VII). Das SG Gelsenkirchen hat die Klage abgewiesen <em>(Urteil vom 21.10.2011)<\/em>.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_2\">2<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>Im Berufungsverfahren hat der Senatsvorsitzende des LSG Termin zur m\u00fcndlichen Verhandlung auf Mittwoch, den 14.9.2016, 10:00 Uhr bestimmt und das pers\u00f6nliche Erscheinen des Kl\u00e4gers angeordnet. Die Ladung ging diesem am 9.8.2016 zu. Bereits zuvor am 19.7.2016 hatte die Prozessbevollm\u00e4chtigte des Kl\u00e4gers dem LSG angezeigt, dass sie das Mandat gegen\u00fcber dem Kl\u00e4ger mit Schreiben vom selben Tag niedergelegt habe und eine Wahrnehmung des Termins zur m\u00fcndlichen Verhandlung von ihrer Seite nicht erfolgen werde.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_3\">3<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>Der Kl\u00e4ger beantragte am 22.8.2016, den anberaumten Termin im Hinblick auf seinen Gesundheitszustand um sechs Monate zu verlegen. Dies lehnte der Vorsitzende des Senats am LSG mit Schreiben vom 24.8.2016 ab und hob gleichzeitig die Anordnung des pers\u00f6nlichen Erscheinens des Kl\u00e4gers auf.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_4\">4<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>Daraufhin beantragte der Kl\u00e4ger am 8.9.2016 erneut, den Termin zur m\u00fcndlichen Verhandlung am 14.9.2016 aufzuheben, zugleich lehnte er den Vorsitzenden des Senats wegen &#8220;unfairer Verhandlungsf\u00fchrung&#8221; als befangen ab. Diesem Schreiben beigef\u00fcgt war ein \u00e4rztliches Attest des Dr. A. K. M. vom 7.9.2016, in welchem dieser ausf\u00fchrt, dass aufgrund des sehr schlechten Gesundheitszustandes des Kl\u00e4gers er das LSG dringend bitte, den Verfahrenstermin am 14.9.2016 zu verschieben. Die Erkrankung werde es dem Kl\u00e4ger nicht erm\u00f6glichen, an dem Tag dem Verfahren beizuwohnen. Diesen Antrag beschied der Vorsitzende des Senats am LSG nicht mehr, nachdem das LSG am 12.9.2016 durch Beschluss den Befangenheitsantrag zur\u00fcckgewiesen hatte. Das LSG hat vielmehr am 14.9.2016 in Abwesenheit des Kl\u00e4gers eine m\u00fcndliche Verhandlung durchgef\u00fchrt. Durch Urteil vom selben Tag hat das LSG auf die m\u00fcndliche Verhandlung hin die Berufung des Kl\u00e4gers gegen das Urteil des SG zur\u00fcckgewiesen sowie die Revision nicht zugelassen. In den Urteilsgr\u00fcnden hat es ausgef\u00fchrt, dass der Senat an einer Entscheidung nicht gehindert gewesen sei, obwohl der Kl\u00e4ger in der m\u00fcndlichen Verhandlung nicht erschienen sei. Dieser und seine damalige Bevollm\u00e4chtigte seien bereits mit der Ladung am 9.8.2016 ordnungsgem\u00e4\u00df darauf hingewiesen worden, dass auch in ihrer Abwesenheit m\u00fcndlich verhandelt werden k\u00f6nne. Dem Antrag auf Verlegung des Termins zur m\u00fcndlichen Verhandlung um mindestens sechs Monate habe der Senat nicht entsprochen. Eine kurzfristige Mandatsk\u00fcndigung der Bevollm\u00e4chtigten, die unter Umst\u00e4nden eine Vertagung erfordern w\u00fcrde, habe nicht vorgelegen, weil diese bereits sieben Wochen vor dem Termin stattgefunden habe. Diese Zeitspanne erachte der Senat als ausreichend, einen Rechtsanwalt zu beauftragen, der sich in die Sache h\u00e4tte einarbeiten k\u00f6nnen. Dass der Gesundheitszustand dem Kl\u00e4ger nicht erlaubt habe, seine Angelegenheiten zumindest durch Beauftragung anderer zu regeln, sei nicht belegt. Bei einer chronischen Erkrankung sei in der Regel Vorsorge f\u00fcr eine geeignete Vertretung zu treffen, zumal im Verfahren schon mehrfach gesundheitsbedingt eine mehrmonatige Fristverl\u00e4ngerung erbeten worden sei. Der Kl\u00e4ger, dessen pers\u00f6nliches Erscheinen nicht angeordnet gewesen sei, sei darauf hingewiesen worden, dass eine Vertretung zB auch durch seine Mutter, die bereits zuvor mehrfach in dem Verfahren f\u00fcr ihn aufgetreten sei, erfolgen k\u00f6nne. Die zul\u00e4ssige Berufung sei im \u00dcbrigen nicht begr\u00fcndet, weil die Anerkennungsvoraussetzungen der streitgegenst\u00e4ndlichen BKen nicht vorl\u00e4gen.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_5\">5<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>Mit seiner Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision r\u00fcgt der Kl\u00e4ger die Verletzung des Anspruchs auf Gew\u00e4hrung rechtlichen Geh\u00f6rs. Sein zweiter Verlegungsantrag sei verfahrensfehlerhaft abgelehnt worden. Er beruft sich dabei ua auf das Schreiben seines behandelnden Arztes vom 7.9.2016, der im Hinblick auf seinen Gesundheitszustand um Vertagung des Verhandlungstermins gebeten habe.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_6\">6<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>II. Die Beschwerde ist zul\u00e4ssig und begr\u00fcndet.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_7\">7<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>Die Beschwerdebegr\u00fcndung gen\u00fcgt den Anforderungen des \u00a7 160a Abs 2 S 3 SGG. Sie bezeichnet die Tatsachen, aus denen sich der Verfahrensmangel einer Verletzung des Anspruchs auf Gew\u00e4hrung rechtlichen Geh\u00f6rs <em>(Art 103 Abs 1 GG, \u00a7 62 SGG)<\/em> iVm dem Prozessgrundrecht auf ein faires Verfahren <em>(Art 2 Abs 1 iVm Art 20 Abs 1 GG)<\/em> und dem Grundsatz der M\u00fcndlichkeit <em>(\u00a7 124 Abs 1 SGG)<\/em> ergibt. Die Beschwerdebegr\u00fcndung enth\u00e4lt auch hinreichende Ausf\u00fchrungen dazu, dass die angefochtene Entscheidung auf dem Verfahrensfehler beruhen kann. Ob diese zur Kennzeichnung des Verfahrensmangels \u00fcberhaupt notwendig waren <em>(s zuletzt BSG Beschluss vom 26.6.2014 &#8211; B 2 U 75\/14 B &#8211; Juris RdNr 8; vgl BSG Beschluss vom 26.6.2007 &#8211; B 2 U 55\/07 B &#8211; SozR 4-1750 \u00a7 227 Nr 1 RdNr 7 mwN)<\/em>, kann daher offenbleiben.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_8\">8<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>Die Entscheidung des LSG beruht auf einem Verfahrensmangel iS des \u00a7 160 Abs 2 Nr 3 SGG, weil der am 8.9.2016 vom Kl\u00e4ger gestellte (zweite) Aufhebungs- und Verlegungsantrag nicht vom insoweit allein zust\u00e4ndigen Vorsitzenden beschieden worden ist.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_9\">9<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<p>Das Gericht entscheidet nach \u00a7 124 Abs 1 SGG, soweit nichts anderes bestimmt ist, aufgrund m\u00fcndlicher Verhandlung. Dieser M\u00fcndlichkeitsgrundsatz r\u00e4umt den Beteiligten und ihren Prozessbevollm\u00e4chtigten das Recht ein, an der m\u00fcndlichen Verhandlung teilzunehmen und mit ihren Ausf\u00fchrungen geh\u00f6rt zu werden. Gerade die in Art 6 Abs 1 der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention grunds\u00e4tzlich vorgeschriebene m\u00fcndliche Verhandlung bietet eine besondere Gew\u00e4hr zur Wahrung des rechtlichen Geh\u00f6rs. Der Anspruch auf Gew\u00e4hrung rechtlichen Geh\u00f6rs in einer m\u00fcndlichen Verhandlung umfasst auch das Recht auf Aufhebung oder Verlegung eines anberaumten oder auf Vertagung eines bereits begonnenen Termins, wenn dies aus erheblichen Gr\u00fcnden geboten ist <em>(\u00a7 227 Abs 1 ZPO iVm \u00a7 202 S 1 SGG)<\/em>. \u00dcber einen Aufhebungs- oder Verlegungsantrag hat der Vorsitzende ohne m\u00fcndliche Verhandlung zu entscheiden <em>(\u00a7 227 Abs 4 ZPO iVm \u00a7 202 S 1 SGG)<\/em>. Kommt er dieser Verpflichtung bis zum Beginn der m\u00fcndlichen Verhandlung nicht nach, leidet das Verfahren wegen der Versagung rechtlichen Geh\u00f6rs an einem wesentlichen Mangel <em>(vgl Senatsbeschluss vom 13.11.2012 &#8211; B 2 U 269\/12 B &#8211; Juris RdNr 10; BSG Beschluss vom 3.7.2013 &#8211; B 12 R 38\/12 B &#8211; Juris RdNr 10; BSG Beschluss vom 6.10.2010 &#8211; B 12 KR 58\/09 B &#8211; Juris RdNr 8; BSG Beschluss vom 25.2.2010 &#8211; B 11 AL 113\/09 B &#8211; Juris RdNr 9).<\/em> Das ist hier der Fall. Der Vorsitzende des Senats am LSG h\u00e4tte vor der m\u00fcndlichen Verhandlung am 14.9.2016 Gelegenheit gehabt, \u00fcber den Verlegungsantrag des Kl\u00e4gers vom 8.9.2016 zu entscheiden. Dies hat er nicht getan. Deshalb hat der Senat von dem ihm gem\u00e4\u00df \u00a7 160a Abs 5 SGG einger\u00e4umten Ermessen Gebrauch gemacht und das Urteil des LSG durch Beschluss aufgehoben und die Sache an das LSG zur erneuten Verhandlung und Entscheidung zur\u00fcckverwiesen.<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt>\n               <a name=\"rd_10\">10<\/a>\n            <\/dt>\n<dd>\n<table class=\"Rsp\">\n<tr>\n<th colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\"><\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td colspan=\"1\" rowspan=\"1\" valign=\"top\">\n<p style=\"text-align:justify\">Das LSG wird auch \u00fcber die Kosten des Beschwerdeverfahrens zu entscheiden haben.<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<dl class=\"RspDL\">\n<dt><\/dt>\n<dd>\n<\/dd>\n<\/dl><\/div>\n<\/div>\n<hr class=\"kji-sep\" \/>\n<p class=\"kji-source-links\"><strong>Sources officielles :<\/strong> <a class=\"kji-source-link\" href=\"http:\/\/www.rechtsprechung-im-internet.de\/jportal\/?quelle=jlink&#038;docid=jb-KSRE151121222&#038;psml=bsjrsprod.psml&#038;max=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">consulter la page source<\/a> &middot; <a class=\"kji-pdf-link\" href=\"https:\/\/www.rechtsprechung-im-internet.de\/jportal\/portal\/page\/bsjrsprod.psml\/screen\/JWPDFScreen\/filename\/BSG_B_2_U_27-17_B_KSRE151121222.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PDF officiel<\/a><\/p>\n<p class=\"kji-license-note\"><em>Rechtsprechung im Internet (BMJV\/BfJ) : les decisions sont mises a disposition gratuitement en HTML, PDF et XML pour libre utilisation et re-utilisation.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tenor Auf die Beschwerde des Kl\u00e4gers wird das Urteil des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen vom 14. 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